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Wie Religion die Welt in die Krise stürzt

Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2012, 363 Seiten. 12,90 EUR.

Buchrezension von Klaus Ludwig Helf

Der Titel und Untertitel des vorliegenden Bandes ist etwas irreführend, da es hier nicht um eine Abhandlung ausschließlich der Religionen geht, sondern der Gefahren von Weltanschauungen insgesamt, die eine positive Utopie anstreben: „Utopien sind Wunschträume kollektiver Erlösung und Alpträume des Erwachens.“ Dabei unterscheidet Gray nicht zwischen religiösen oder politisch-weltanschaulichen revolutionären oder radikalen Utopien, die alle- so versucht er in historischen und diachronen Exkursen nachzuweisen- in menschenverachtendenTerrorsystemen aufgegangen seien; die Zivilisation und der Humanismus seien in solchen Regimes untergegangen. Die gelte nicht nur für das Mittelalter oder für das 20. Jahrhundert, sondern auch und gerade in unserem Jahrhundert: „Die Moderne ist nicht weniger abergläubisch als das Mittelalter- und in mancher Hinsicht sogar abergläubischer Das Gewaltpotential des Glaubens wird, im Zusammenspiel mit den Auseinandersetzungen um Rohstoffe, unser Jahrhundert aller Voraussicht nach entscheidend prägen.“ Keine positive prognostische Perspektive, die der Autor am Ende seines Buches wagt. Was sind die Gründe für das Terrorpotential? Der Autor versucht, diesem Phänomen von der Antike bis zur Jetzt-Zeit nachzugehen.

Das entscheidende Bestimmungsmerkmal von Utopien sei das Streben nach einem Zustand der Harmonie und Vollkommenheit, der Wunsch nach einem perfekten, idealen Menschen, aber Konflikte seien nun mal universeller Bestandteil des menschlichen Lebens: „Eine konfliktfreie Existenz kann es für uns Menschen nicht geben, Versuche, sie dennoch zu erreichen, haben unerträgliche Zustände zur Folge. Falls solche Träume tatsächlich Realität würden, käme dabei etwas heraus, das noch schlimmer ist als jede bislang gescheiterte Utopie.“ Gray bezieht sich in seiner Analyse leider nur auf einen Aspekt utopischen Denkens und blendet den ursprünglichen und authentischen Charakter von Utopien und Dystopien als kritischen Spiegel gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse und als Anregung und Inspiration für die Schaffung besserer Zustände völlig aus; nur hier und da sieht er positive Aspekte von realistischen Utopien und meint damit wohl unausgesprochen Blochs Konzept der „konkreten Utopie“ als Movens für gesellschaftlichen Fortschritt.

John N. Gray ist ein britischer politischer Philosoph und Autor, war bis 2008 Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Beeinflusst von Isaiah Berlin und Friedrich von Hayek vertrat Gray zunächst das Gedankengut der neoliberalen Schule. In den neunziger Jahren kritisierte er die zügellose Globalisierung und die konservativen Vormachtsansprüche vor allem der Bush-Administration und wurde so zu einem international bekannten Kritiker der neo-liberalen Wirtschaftsideologie. Aus dieser Zeit ist auch der vorliegende Band, der in deutscher Übersetzung bei Klett-Kotta 2009 erschien und jetzt in unveränderter Auflage als Taschen – Buch bei dtv vorliegt. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, da in dem Band die neueren Entwicklungen im Nahen Osten und in den arabischen Ländern nicht berücksichtigt werden konnten.

Im ersten Kapitel gibt Gray einen Überblick über die Entwicklung religiöser, besonders christlicher und islamischer, dann auch über säkulare Utopien. Fragwürdig ist bei Gray die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus und deren Vergleichbarkeit mit religiösen Utopien. Weitgehend überzeugend gelingt es ihm, am Beispiel der Wiedertäufer in Münster im 16. Jahrhundert oder der Jakobiner den menschenverachtenden Terror im Namen des Humanismus herauszuarbeiten und den apokalyptischen Kern der
universellen Erlösung freizulegen.

In den weiteren Kapiteln widmet sich Gray den utopistischen Kernelementen und Heilsversprechen des Sowjetkommunismus, des Maoismus, des Nationalsozialismus, des Konservatismus, des Neo-Konservatismus, des Neo-Liberalismus und des Islamismus.Grays Hauptthese ist, dass sich alle „Heils“- und utopischen Versprechungen der politischen Ideologien, wenn sie auf Ausschließlichkeits-, Alleinvertretungsansprüchen und revolutionärem Denken beruhten, nach religiös-apokalyptischen Mustern aufgebaut seien: apokalyptische Glaubenssysteme und –Auffassungen mit einem chaotischen Anfang und einem Ende mit Heilserwartung, dazwischen seien utopische Versprechungen platziert mit selbstdefinierten manichäischen Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“.

Gray legt eine Analyse mit enormer Faktenfülle vor, ein provokantes Plädoyer für eine realistische, pragmatische und tolerante Politik: „Die Politik eignet sich nicht zum Vehikel der Menschheitsbeglückung. Im besten Fall ist sie die Kunst, in angemessener Weise auf den Fluss der Ereignisse zu reagieren. Dazu ist keine hochfliegende Fortschrittsvision notwendig, sondern nur der Mut, unausrottbaren Übeln ins Auge zu sehen.“ Ob dieses Konzept des pragmatischen Durchwurstelns á la Karl Poppers „piecemeal-engineering“ zukunftsfähig ist, wage ich stark zu bezweifeln. Die Früchte dieser Politik konnten wir z.B. unter der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt erleben, der sich ausdrücklich auf Popper berufen hatte und der sagte, wer Visionen habe, solle zum Augenarzt gehen. Dennoch kann man aus Grays dichter, materialgesättigter Analyse lernen, nicht auf plumpe utopistische Versprechen von religiösen oder politischen Vereinigungen hereinzufallen, sondern diese ideologiekritisch nach deren Interessen und Realitätsbezügen zu hinterfragen. Grays Band ist ein „Wehret den Anfängen“ gegen falsche Utopien.

Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2012, 363 Seiten. 12,90 EUR.

1 Kommentar zu „John Gray: Politik der Apokalypse“

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