Die Ökonomie hat zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und das nicht mathematische Menschliche in uns vernachlässigt
Rezension von Klaus Ludwig Helf
Seit wir Menschen von den Bäumen herabgestiegen sind, beschäftigen wir uns damit, die Welt und den Sinn unsres Lebens zu verstehen; das kann man heute beginnend mit den Höhlenmalereien, über die bislang ältesten schriftlichen Dokumente vor 4000 Jahren (Gilgamesch-Epos), über die Antike, das Mittelalter bis in die Jetzt-Zeit gut dokumentieren. Dabei halfen dem Menschen zunächst Geschichten (Mythen), seiner Realität einen Sinn zu geben und Hoffnungen auf ein gutes Leben zu träumen. Die Mythen wurden im Laufe der Zeit ergänzt/ersetzt durch Religion, später durch die Wissenschaft.
Auch die Ökonomie als Wissenschaft der Haushaltsführung war eine „Teilmenge der religiösen, theologischen, ethischen und philosophischen Disziplinen“(S.14), eine kulturelle Erscheinung und ein Produkt unserer Zivilisation. Bevor die Ökonomie zum selbständigen Gebiet wurde hat sie „ganz zufrieden im Schoße der Philosophie(beispielsweise der Ethik)“(S. 14) gelebt.
Wenn auch die Geburtsstunde der modernen Ökonomie als Wissenschaft mit der Veröffentlichung von Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“ im Jahr 1776 datiert wird, so gibt es dennoch Kerngedanken und Schlüsselkonzepte ökonomischer Überlegungen, die sich bis in die Zeit vor 4000 Jahren zurückverfolgen lassen- so die These des tschechischen Ökonomen Tomáš Sedláček, dem Autor des vorliegenden Buches. In seinem Verständnis der Ökonomie gehe es letztlich um das Gute und das Böse, wovor sich die wertneutral gebende Mainstream-Ökonomie drücke: „Selbst die ausgefeiltesten mathematischen Modelle sind in Wirklichkeit Geschichten, Gleichnisse, ein Bemühen, die Welt um uns herum(rational) zu begreifen. Ich möchte zeigen, dass es bei der über ökonomische Mechanismen erzählten Geschichte bis heute im Wesentlichen um eingeht und dass sie aus den Traditionen der alten Griechen und der Hebräer stammt“(S.17). Im Zeitalter der Quantifizierung und der Haben-Mentalität (Erich Fromm) sei das mathematisch-mechnisch-allokative und modellhafte Denken und Formulieren und die (scheinbare) Wertneutralität zur Hauptmetapher der Mainstream-Ökonomie geworden. Aber im Gegensatz zu dem, was in den Lehrbüchern stehe, sei die Ökonomie eine überwiegend normative Wissenschaft, da sie die Welt nicht nur modellhaft beschreibe, sondern sich auch damit befasst, wie sei sein sollte. Ökonomie umfasse mehr als nur die Produktion, die Zuteilung und den Konsum von Gütern und Dienstleistungen, sondern befasse sich als Sozialwissenschaft auch mit menschlichen Beziehungen und mit nicht handelsfähigen Gütern wie Freundschaft, Freiheit, Effizienz und Wachstum.
Sedláčeks These ist, dass die Mainstream-Ökonomie ursprünglich ökonomische Themen wie Ethik und Moral aufgegeben habe: „Kurz gesagt: Die Ökonomie hat zu viel Gewicht auf das Mathematische gelegt und das nicht mathematische Menschliche in uns vernachlässigt. Die normative Ökonomie wurde durch die positive(deskriptive) verdrängt“ (S. 370). Sedláček hat sich mit seinem Buch das Ziel gesetzt, „die Entwicklung der menschlichen Seele seit den Anfängen der schriftlichen Aufzeichnungen auf unserem Planeten“ zu untersuchen: „All das hat Spuren hinterlassen, bis in die heutige Zeit. Wir tragen alle unzählige Geschichten in uns- die selbst erlebten und die die, die unsere Vorfahren uns überliefert haben“(S.397). Er will keine umfassende Geschichte des ökonomischen Denkens vorlegen, sondern nur bestimmte Kapitel daraus intensiver untersuchen und sich dieser Metaökonomie „auf postmoderne Weise philosophisch, historisch, anthropologisch, kulturell und psychologisch nähern“(S. 21).
Tomáš Sedláček hat das Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ auch deshalb geschrieben, weil er in alten Mythen nach ökonomischen Gedanken und umgekehrt in der heutigen Ökonomie nach Mythen suchen wollte und hat damit auch eine Ideologiekritik der herrschenden Ökonomie vorgelegt. Er belässt es aber nicht mit der Kritik, sondern macht auch Vorschläge zur grundlegenden Reform der Wirtschaftspolitik. Das Buch erschien bereits 2009 in Prag und greift im Wesentlichen auf seine Dissertation zurück, die aber an der dortigen Universität abgelehnt wurde; es dient auch als Vorlage für ein Theaterstück , das allein am Tschechischen Nationaltheater in Prag über 80-mal aufgeführt wurde.
Sedláček arbeitete 2001- 2003 als ökonomischer Berater des damaligen Präsidenten Václav Havel und anschließend für den Finanzminister. Tomáš Sedláček lehrt an der Prager Karls-Universität, ist Chefökonom der größten tschechischen Bank und Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats in Prag und ist Kolumnist für verschiedene Zeitungen.
Das Buch ist eine archäologische Expedition weit über die Grenzen und den Tellerrand der Ökonomie hinaus durch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der westlichen Welt, beginnend mit dem Gilgamesch-Epos(vor 4000 Jahren) über die das Alte und das Neue Testament, über das antike Griechenland zu Thomas von Aquin und bis zu Bernard Mandeville und Adam Smith, über die Filme Fight Club und Matrix bis hin zur Wall Street und zur Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007. Sedláček stellt die mathematisch-analytische, scheinbar wertfreie Position der modernen Volkswirtschaftslehre infrage und erinnert daran, dass jede einzelne, noch so trivial erscheinende Kaufentscheidung letztlich eine ethische Entscheidung ist.
Das Buch ist in zwei Haupt-Teile gegliedert mit einem Vorwort von Václav Havel und einer Einleitung mit grundlegenden Gedanken des Autors zur „Ökonomie von Gut und Böse“, mit den Zielen und Methoden seiner Arbeit und mit seinen Vorstellungen über die Ökonomie als Sozialwissenschaft. Im Wesentlichen sind es die folgenden drei erkenntnisleitenden Fragen, denen Sedláček nachgeht: „Gibt es eine Ökonomie von Gut und Böse? Zahlt es sich aus, gut zu sein oder liegt das Gute außerhalb von jedem ökonomischen Kalkül? Ist die Selbstsucht dem Menschen angeboren? Kann man sie rechtfertigen, wenn sie zu etwas führt, was gut für die Gesellschaft ist?“(S.19).
Im ersten Teil mit dem Titel „Ökonomie in früheren Zeiten“ sucht in den Mythen, der Religion, Theologie, Philosophie und Wissenschaft nach Aussagen zur Ökonomie aus sieben Epochen. Dabei geht es ihm nicht um eine abgeschlossene Analyse, sondern vielmehr um die Herausarbeitung von Brüchen in der historischen Entwicklung des ökonomischen Ethos: „Das Buch will zeigen, wie sich die Wahrnehmung der ökonomischen Dimension des Menschen entwickelt hat“(S.21).In sieben Epochen stellt der Autor ökonomische Entwicklungslinien vor, beginnend mit dem Gilgamesch-Epos als dem ältesten literarischen Werk der Menschheit, in dem bereits die Dualität (und Konkurrenz) zwischen Stadt und Land, Natur und Zivilisation deutlich wird und die Ansätze erkennbar werden, wie sie sich in den weiteren Phasen entwickeln, bis hin zu den Ideen der „unsichtbaren Hand des Marktes“ und des Homo oeconomicus, die unser zeitgenössisches ökonomisches Denken und Handeln bestimmen. Bereits etwa 400 vor Christus hat Xenophon, ein Zeitgenosse Platons, die „allerersten Lehrbücher für Mikro-und Makroökonomie“ geschrieben: „Xenophons ökonomische Analysen sind keineswegs oberflächlicher als die von Adam Smith“(S.131). Bereits Josef habe- so Sedláček- mit seiner Traumdeutung die Prinzipien der späteren keynsianischen antizyklischen Fiskalpolitik festgelegt(S. 88).
Der zweite Teil mit dem Titel „Blasphemische Gedanken“ fasst die sieben Themen des historischen ersten Teils zusammen und integriert sie in eine abschließende kritische Analyse der Mainstream-Ökonomie: Die Gier nach immer mehr/Der Fortschritt/Die Ökonomie von Gut und Böse/ Die Geschichte der unsichtbaren Hand des Marktes und der Homo Oeconomicus/ Metamathematik/Wer kennt die Wahrheit?
Angesichts des Haushaltsdefizits in vielen Staaten fragt Sedláček mit Recht, wie man bei 3% Neuverschuldung von 1% Wirtschaftswachstum sprechen könne. Um die Verschuldung, die zukünftige Handlungsoptionen beschneide, einzudämmen, fordert Sedláček – Bezug nehmend auf Genesis 41 -, in guten Jahren anzusparen für die mageren: die Neuverschuldung dürfe 3% der Wirtschaftsleistung minus das Wirtschaftswachstum nicht übersteigen ( „Josef-Regel”): „Wir brauchen Überschüsse, damit wir uns Defizite erlauben können. Und wenn wir Defizite haben, müssen wir sie schnell abbauen. Wir müssen das generelle Ziel der Wirtschaftspolitik ändern- …statt›Maximierung des BIP› ‹Minimierung der Schulden›. Das oft unumstrittene Mantra unserer Generation war …die Maximierung des Wachstums um jeden Preis (Schulden, Überhitzung, Arbeitsüberlastung). Statt der Maximierung sollten wir uns vernünftige Wachstumsraten zum Ziel setzen…wenn die Winde des Wachstums stärker sind und ein schnelleres Wachstum möglich machen, sollten wir eine fiskalische Konsolidierung durchführen und diese Energie zügeln und sie zum Aufbau fiskalischer Reserven nutzen, die den Verschuldungsgrad verringern“ (S.310).
Sedlacek korrigiert die gängige Rezeption von Adam Smith und stellt fest, dass die moderne Mainstream-Ökonomie, die sich als dessen legitimer Nachfolger begreift, die Ethik vernachlässige und sich nur auf dessen Werk „Wohlstand der Nationen“ konzentriere und den breiteren Kontext seines Buchs „Theorie der ethischen Gefühle“ vernachlässige oder gar ignoriere. Smiths Beitrag zur Ökonomie gehe „weit über das (zweifelhafte) Konzept der unsichtbaren Hand des Marktes und die Geburt des egoistischen, auf sich selbst fokussierten Homo oeconomicus“ hinaus: „Meiner Ansicht nach besteht Smiths Erbe für uns Ökonomen darin, dass wir moralische Fragen in die Ökonomie einbeziehen müssen- dass gerade sie ihren Kern bilden. In meinen Augen ist Smiths maßgeblicher Beitrag zur Ökonomie ethischer Natur. Die Debatte über Gut und Böse begann zwar schön viel früher, erreichte mit ihm aber ihren Höhepunkt“(S.264f).
Sedlacek fordert eine Sabbatökonomie: „Ist es denn überhaupt nötig, die gesamte Energie, die der technische Fortschritt uns bringt, in den Konsum und in Wachstum zu stecken? …Das Sabbatgebot besagt das Gegenteil: Du sollst nicht immer optimieren. Die Frage ist also, was wir mit diesem Manna, dieser Energie, machen wollen. Ich habe den Eindruck, dass wir die gesamte Zeitersparnis wieder in die Produktion stecken….Die USA hätten sie technologische Entwicklung der letzten 20 Jahre der Zeitersparnis widmen können. Wenn die Amerikaner bei dem Lebensstandard von vor 20 Jahren geblieben wären, und den technologischen Fortschritt in Freizeit umgemünzt hätten, würden sie 40% weniger arbeiten müssen, hätten also die Drei-Tage-Woche, die Keynes vor 70 Jahren vorhersagte…“(S.306).
Sedláček hat eine hervorragende Studie vorgelegt über die Wurzeln ökonomischer Leitlinien und Prinzipien in den großen Menschheitserzählungen, eine verständliche, anschauliche und
Flott und spannend geschriebene populär- wissenschaftliche Analyse der Metaökonomie. Es ist eine antithetische, postmoderne Kritik an der herrschenden Mainstream-Ökonomie. Sedláček „reißt durch seine Fragen Stereotype nieder“(Václav Havel im Vorwort, S. 10), demaskiert den Wachstumsgedanken und fordert Genügsamkeit und Beschränkung des Materiellen ein:
„Ich rufe dazu auf, uns unserer eigenen Sättigung bewusst zu werden! Ich rufe dazu auf, uns bewusst zu machen, dass wir dankbar für das sein müssen, was wir haben. Wir haben nämlich wirklich viel“(S. 402).
Carl Hanser Verlag, München, 2012; 448 Seiten, gebunden; 24.90 EURO
ISBN 978-3-446-42823-2



























































































