Der Kommunismus ist tot, der Kapitalismus ist krank – es lebe Karl Marx!
Rezension von Klaus Ludwig Helf
Die Zeit scheint aus den Fugen zu sein, um es mit Hamlet zu formulieren. Globalisierung und weltweite Wirtschafts- und Finanzkrisen provozieren geradezu Debatten über Kapitalismus, Banken- und Finanzsysteme und über Alternativwirtschaft; die Occupy-Bewegung und andere Protestbewegungen nehmen Fahrt auf; auch auf dem Büchermarkt tut sich einiges. Soeben ist ein Band über einen längst tot geglaubten und diskreditierten Theoretiker erschienen mit dem provokanten Titel „Warum Marx Recht hat“. Autor ist Terry Eagleton, Professor für englische Literatur an der Universität in Lancaster, der sich als katholischen Marxisten bezeichnet.
Eagleton will keine kritiklose Rechtfertigungsschrift vorlegen wie wir sie aus dogmatischen „realsozialistischen Zeiten“ kennen, sondern den Kern der Gedanken von Marx auffrischen:
“Ich will nicht beweisen, dass Marx’ Ideen vollkommen sind, sondern nur zeigen, dass sie plausibel sind”(S.9). Das Ziel des Autors ist es nicht, eine quellengesättigte, wissenschaftliche Dokumentation vorzulegen, sondern es geht ihm vielmehr um eine Annäherung an Marx:
“Lesern, die mit Marx Denken nicht vertraut sind, eine klare und verständliche Einführung in sein Werk zu bieten”(S.10). Eagleton nimmt kaum Stellung zum Marxismus als Moral- und Kulturkritik, weil diese im Allgemeinen nicht als Einwand gegen den Marxismus dient.
Eagleton greift die seiner Meinung nach zehn geläufigsten Kritikpunkte an Marx auf und versucht, sie kenntnisreich, streitbar und humorvoll zu widerlegen und auch konkrete Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten:
Der Marxismus ist erledigt und war in der Praxis immer Terror, Mangel an Freiheit und an materiellen Gütern; in seinem Traum von Utopia und seinem Determinismus ist er eine säkulare Version der Vorsehung; er ist fixiert auf Materialismus, Ökonomie, Klassen und Staat und auf gewaltsame, politische Aktionen; die Neuen sozialen Bewegungen (wie Feminismus, Ökologie, Friedensbewegung) kommen ohne Marx aus.
Einen platten Utopie-Vorwurf gegen Marx kontert Eagleton mit dem Hinweis, dass dieser eher praxisorientiert denke und argumentiere im Sinne einer „Philosophie der Praxis“:
„Utopische Entwürfe waren für Marx eher eine Ablenkung von den politischen Aufgaben der Gegenwart. Die für jene aufgewendete Energie lasse sich ergiebiger für den politischen Kampf nutzen“(S.88) Die Frage nach dem utopischen Gehalt des Marxschen Denkens beantwortet Eagleton differenziert: „War Marx ein utopischer Denker? Ja, wenn das bedeutet, dass er eine Zukunft entwarf, die eine erhebliche Verbesserung gegenüber der Gegenwart wäre“(S.123).
Im Gegensatz zum geistigen Elitismus bürgerlicher Aufklärungsphilosophie sei die marxistische Version des Materialismus demokratisch und so gesehen Marx eher ein „Anti-Philosoph“: „Materialismus hieß für Marx, von einem realistischen Menschenbild auszugehen, statt einem verschwommenen Ideal anzuhängen…Mutig verwarf Marx das passive Subjekt des bürgerlichen Materialismus und ersetzte es durch ein aktives…dass Menschen, Geschöpfe, zuerst einmal handelnde Subjekte seien die sich bei der Umgestaltung
ihrer materiellen Umgebung selbst umgestalteten. Sie seien keine Marionetten der Geschichte, der Materie oder des Geistes, sondern aktive, selbstbestimmte Wesen, fähig, ihre eigene Geschichte zu machen“(S.155).
Gegen die Interpretation eines platten und statischen Basis-Überbau-Modells wendet Eagleton zu Recht ein: „Marx ist nicht der Meinung, das gesellschaftliche Leben bestehe aus zwei verschiedenen Teilen. Im Gegenteil, es gibt eine Menge Verkehr zwischen den beiden…Die Kunst ist wichtiger für das Wohlbefinden der Menschheit als die Erfindung eines neuen Schokoriegels, und doch würde dieser gewöhnlich der Basis zugerechnet und jene nicht“(S. 175f).
Dem Bereich der Produktion und der Definition von Arbeit gibt Marx nach Eagleton einen völlig anderen Sinn als er gemeinhin (miss-) verstanden wird: „Das Wortbedeutet bei Marx jede der Selbstverwirklichung dienende Tätigkeit: Flöte spielen, einen Pfirsich genießen, über Platon streiten, einen Reel tanzen, eine Rede halten, sich politisch betätigen…Wenn Marx die Produktion als Wesen der Menschheit bezeichnet, meint er damit nicht, dass es zum Wesen der Menschheit gehört, Würste zu verpacken. Arbeit, wie wir sie kennen, ist eine entfremdete Form dessen, was er Praxis nennt- ein altgriechisches Wort für die frei bestimmte, Erfüllung schenkende Tätigkeit, durch die wir die Welt umgestalten“(S. 150).
Wie ein angemessenes und faires Lohnsystem in einer solidarischen Gesellschaft gestaltet werden könne, beschreibt der Autor mit einer gehörigen Portion britischen Humor: “Es spricht einiges dafür, Menschen, die langweilige, schwere, schmutzige oder gefährliche Arbeit leisten, mehr als beispielsweise Ärzten oder Hochschullehrern zu bezahlen, deren Arbeit weit angenehmer ist. Ein Gutteil dieser schmutzigen und gefährlichen Arbeit könnte vielleicht von ehemaligen Mitgliedern des englischen Königshauses verrichtet werden. Wir müssen unsere Prioritäten auf den Kopf stellen“(S.42).
Seit Mitte der 70er Jahre habe das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem tiefgreifende Veränderungen erlebt durch eine Verlagerung von der traditionellen Industrieproduktion hin zu einer ´postindustriellen´ Konsum-, Kommunikations-, Informations- und Dienstleistungskultur.
Der Kapitalismus habe auch für viele Menschen materielle Fortschritte und demokratische Freiheitsrechte gebracht: „Das moderne kapitalistische Zeitalter hat zweifelsfrei seine Vorzüge. Viele seiner Merkmale, von der Anästhesie über die Strafrechtsreform und die hygienische Abfallbeseitigung bis hin zur Meinungsfreiheit, besitzen einen Wert an sich“(S.79). Aber dennoch gehöre die Klassengesellschaft nicht der Vergangenheit an, so Eagleton. Mögen auch die herkömmlichen Hierarchien in einigen Wirtschaftssektoren äußerlich lockerer erscheinen durch teamorientierte, vernetzte Organisations- und lockere persönliche Umgangsformen und dadurch die Illusion einer klassenlosen Gesellschaft erzeugen, sehe die Realität dahinter aber anders aus:
„Dennoch gibt es einen aufschlussreichen Kontrast zwischen der legeren Kumpelhaftigkeit des modernen Büros und einem globalen System, in dem der Graben zwischen Arm und Reich tiefer denn je klafft… Während der Vorstandsvorsitzende die Jeans über seinen Sneakers glättet, leiden auf unserem Planeten täglich mehr als eine Milliarde seiner Bewohner Hunger. Die meisten Megacitys auf der südlichen Hemisphäre sind übervölkerte, stinkende Slums, in denen Krankheiten grassieren“ (S. 190 f).
Der Band ist eine ausgezeichnete Einführung in das philosophisch-gesellschaftskritische Werk von Karl Marx und schließt dessen politischen Partner Friedrich Engels ein. Es geht dabei nicht nur um Wirtschaftstheorien, sondern auch um Einblicke in die allgemeine Lebensphilosophie (Nietzsche, Feuerbach, Wittgenstein, Adorno und Habermas). Eagleton schreibt sehr eloquent, verständlich, unterhaltsam, humorvoll und stilistisch brillant. Wer sich noch nie oder wenig mit Marx beschäftigt hat, findet hier eine fundierte und anregende Lektüre.
Details zum Buch
Übersetzung: Aus dem Englischen von Hainer Kober
Originaltitel: Why Marx was right
gebunden mit Schutzumschlag
€ 18,00 [D], € 18,50 [A], sFr 24,90
ISBN-10: 3550088566
ISBN-13: 9783550088568
Terry Eagleton: Warum Marx recht hat. Ullstein Verlag, Berlin, 288 Seiten, 18 Euro
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/buch.php?id=17003&page=buchaz&sort=&auswahl=&pagenum=1





















































































Schon wieder ein Buch, mit dem ein Intellektueller versucht, sich ein lukratives Nebeneinkommen zu schaffen. Dem Allgemeinwohl schadet dieses Buch eher. Es lenkt nämlich von der Tatsache ab, dass in allen bisher bestehenden Wirtschafts- bzw. Gesellschaftssystemen die Ergebnisse (Gewinne) aus allen Arten menschlicher Arbeit recht einseitig verteilt werden.
Für mich gibt es nur ein Buch: „Die Geldlawine“ von Jörg Gastmann. Hier würde, bei einer Umsetzung der Inhalte dieses Buches in die Praxis, dem einzelnen Menschen viel Leid erspart bleiben und dem Allgemeinwohl ein großartiges Wachstum beschert werden.
Leider sind die meisten Menschen vom Gedanken beseelt, dass Eigenwohl dem Allgemeinwohl vorausgeht und dabei nicht bemerken, mit welch brutalen Mitteln dieser perverse Grundsatz von den Elite-Egoisten durchgesetzt wird.