Anhand von Lebensgeschichten gewährt Robert Aldrich einen spannenden und luziden Einblick in die Wechselbäder der Kulturgeschichte der Homosexualität
Rezension von Klaus Ludwig Helf
Seit Jahrtausenden werden Frauen von Frauen und Männer von Männern begehrt; nach offiziellen Schätzungen sollen zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung homosexuell sein. Obwohl Homosexualität nach wissenschaftlicher Erkenntnis ein angeborenes Merkmal der Persönlichkeit eines Menschen ist, werden Homosexuelle(Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle u.a.) auch heute noch weltweit in vielfältiger Weise aus politischen, kulturellen, ethischen und oft aus religiösen Gründen schikaniert, diskriminiert oder gar strafrechtlich verfolgt. Die Skala der Diskriminierung reicht von alltäglichem Mobbing über Benachteiligungen im Familien-und Steuerrecht bis zur Todesstrafe. Das hat Traditionen, die in unterschiedlicher Weise in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten zu finden sind. Zwar ist das Thema Homosexualität in Deutschland seit einigen Jahren gesellschaftlich enttabuisiert, dennoch ist sexuelles coming out immer noch mit einem nicht zu unterschätzenden persönlichen Risiko verbunden. Auch findet man über Homosexuelle häufig Vorurteile-positive wie negative. Aus deren Lebens-und Leidensgeschichte kann man daher unvoreingenommen lernen, dass es unverantwortlich und naiv ist, Menschen allein wegen ihrer sexuellen Orientierung in eine Schublade zu stecken. Dazu liefert ein Lesebuch von Robert Aldrich reichlich und kenntnisreich Anschauungsmaterial.
Im Kölner DuMont Verlag ist jetzt die deutsche Ausgabe homosexueller Lebensentwürfe von der Antike bis heute erschienen. Anhand von Lebensgeschichten gewährt Robert Aldrich einen spannenden und luziden Einblick in die Wechselbäder der Kulturgeschichte der Homosexualität.
Robert Aldrich ist ein australischer Historiker, Autor und Hochschullehrer an der University of Sydney und hat bereits als Herausgeber eine globale Geschichte der Homosexualität und weitere Veröffentlichungen zum Thema vorgelegt. Die Galerie der hier in seinem neuesten Band porträtierten Personen ist kein vollständiges und globales Who´s Who homosexueller Persönlichkeiten, sondern eine Auswahl.
Zu deren Kriterien äußert sich der Autor wie folgt:
„Es werden äußerst heterogene Persönlichkeiten zusammengeführt, deren Leben die unterschiedlichen persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen von Homosexualität in der Menschheitsgeschichte aufzeigen. Einige dieser Menschen sind besser, andere weniger gut bekannt, und keiner von ihnen ist noch am Leben“(S.11). Es wurden auch Personen außerhalb der westlichen Hemisphäre aufgenommen aus Arabien, Sri Lanka, Japan, Südafrika und aus Vietnam. Die vorgestellten Lebensentwürfe zeigen eine große Bandbreite individueller und gesellschaftlicher Einstellungen zum Thema „Homosexualität“: „paiderastia“ in der Antike, spirituelle , platonische, humanistische Freundschaften, Bisexualität, Tanssexualität, die Idee von einem „dritten Geschlecht“ und verborgene, offene, selbstbewusste, unterdrückte bis „normale“ und „exzentrische“ schwule und lesbische Lebenswelten. Knapp und präzise vorgestellt werden insgesamt 76 Lebensläufe, davon 60 männliche, aus allen Epochen der Weltgeschichte und aus unterschiedlichen Kulturen, beziehungsreich illustriert mit Abbildungen von Gemälden und Skulpturen und mit Fotografien. Aldrich betont gleichermaßen die emotionalen wie physischen Aspekte der sexuellen Orientierung, „nicht nur den Geschlechtsverkehr, es geht um Liebe ebenso wie um Begierde“(S.12). Dabei wird auch hier klar, dass Sexualität nie eine reine Privatangelegenheit ist, sondern gesellschaftliche und kulturelle Konventionen, Standards, Regeln und Maßnahmen eine erhebliche Rolle spielen.
Mit diesem Band gelingen dem Autor in vorzüglicher Weise seine selbstgesteckten Ziele , wenn er schreibt: „Diese Portraitgalerie bietet also nicht nur eine Gelegenheit, sich eigene Erfahrungen wieder in Erinnerung zu rufen, sondern sie spürt auch einer im Wandel begriffenen Landschaft gesellschaftlicher Konventionen, kultureller Kontexte und politischer Beschränkungen nach: Sie gewährt Einblick in homosexuelle Lebensentwürfe, die in der Geschichte gelebt wurden“ (S.13).
Nach einer problemorientierten Einleitung folgen zwölf nichtchronologische, thematische Kapitel und ein Literaturverzeichnis mit den wichtigsten Veröffentlichungen zu den jeweils portraitierten Persönlichkeiten. Das Buch gibt einen faszinierenden Einblick in homosexuelles Denken, Fühlen und Handeln und auch in die Abgründe der gesellschaftlichen Fesseln, Vorurteile und zuweilen drastischen Bestrafungen und Unterdrückungen homosexueller Menschen. Es ist kein voyeuristischer Blick unter die Bettdecke, sondern mit viel Empathie, Sensibilität und Unvoreingenommenheit und Respekt beobachtet und kenntnisreich und pointiert geschrieben; ein unkonventioneller, origineller Zugang zur Gesellschafts-und Kulturgeschichte der Homosexualität und ein Versuch, Vorurteile und Klischees und damit Diskriminierungen sexueller Minderheiten abzubauen.
DuMont Buchverlag Köln, 2012, 304 S. mit 120 Abb., geb., € 35.93





















































































