„Lasst Träume fliegen“

Ruth Zimmer Peter Meiser Hans-Hermann Bohrer „Kämpft – dann werden auch Träume wahr“ – Foto: Waltraud Andruet
Von Waltraud Andruet
Im Rahmen der Veranstaltungen anlässlich des einjährigen Bestehens des Ateliers von Mario Andruet in Saarwellingen fand dort am 29. Juni eine Lesung satirischer Texte von Peter Meiser statt, musikalisch begleitet von Ruth Zimmer und moderiert von Hans-Hermann Bohrer. Nach Begrüßung durch Waltraud Andruet stellte der Moderator zunächst die Künstler des Abends vor. Die Saarländerin Ruth Zimmer, akademisch ausgebildete Gitarristin und Sängerin mit Opernerfahrung sowie solistischer und Ensemble-Tätigkeit auf ihrem Instrument, schreibt, animiert vom aktuellen politischen Geschehen, mittlerweile eigene Lieder, woraus die Zusammenarbeit mit Peter Meiser entstanden ist. Meiser, ebenfalls Saarländer, kann auf Jahrzehnte politischen Engagements zurückblicken und verfasst bereits seit Jahren satirische Texte, die ihre Inspiration ausschließlich aus politischen Ereignissen und Entwicklungen beziehen. Er beherrscht das Stilmittel der Satire und umschreibt mit ihrer Hilfe Dinge, arbeitet mit der Doppelbödigkeit von Bedeutungen und mit Augenzwinkern, wobei jedoch die Botschaft am Ende nie im Unklaren bleibt; seine Texte sind alles andere als beliebig. Hans-Hermann Bohrer, der sich als „angelernter Saarländer“ (da erst zehn Jahre hier wohnhaft) vorstellte, hatte als dritter im Bunde die Aufgabe, durch seine Zwischentexte die zeitgeschichtlichen Hintergründe der Satiren und Lieder zu erläutern, Hinweise zu deren Entstehungsgeschichte zu geben und auf für das Verständnis wichtige Textdetails hinzuweisen.
Als erstes Lied trug Ruth Zimmer das „Gebet eines Bauern“ des Chilenen Victor Jara vor. Bohrer rief dem Publikum die Geschichte der Unidad Popular ins Gedächtnis, die durch demokratische Wahlen im Herbst 1970 an die Macht kam und unter Präsident Salvador Allende regierte, bis sie am 11. September 1973 (dem „anderen 11. September“) durch einen Militärputsch unter maßgeblicher Beteiligung der USA gestürzt wurde, bei dem Allende ums Leben kam. Die faschistischen Putschisten brachten den Volkssänger Jara um, so wie sie es mit Abertausenden Demokraten in Chile taten. Gleichzeitig wurde das Land Versuchslabor für die Entwickler des neoliberalen Wirtschaftsmodells, die Ökonomen der Schule von Chicago unter Milton Friedman.
Der erste Textblock von Peter Meiser war den „Dreiprozentigen“ ( http://www.saarkurier-online.de/?p=70863 ) gewidmet und beschäftigte sich mit den Eskapaden des Führungspersonals der FDP seit 2001 und deren in letzter Zeit vergeblichem Kampf um Wählerstimmen. Da Meiser sich mit Pferden, aber auch Eseln hervorragend auskennt, kamen in diesen Texten zahlreiche Bilder und Vergleiche aus dem Bereich dieser Tiergattung vor. Es folgte ein eigenes Lied von Ruth Zimmer, das sich mit den wirtschaftlich Abgehängten und Aufgegebenen und den heuchlerischen „Bemühungen“ befasste, diesen mit Bildungsgutscheinen eine Aufstiegsmöglichkeit zu bieten. Weiter ging es mit drei Geschichten von Peter Meiser zum Themenkomplex Überwachungsstaat, Geheimdienste, Datensammlungen. Darunter befand sich sein neuester Text („Bedrohung aus dem Internet“ – http://www.saarkurier-online.de/?p=71880), der beschreibt, wie durch ein eigentlich harmloses, in einem Text übersehenes überflüssiges Wort eine massive Überwachungsaktion und letztlich der Tod eines Menschen herbeigeführt wird, ohne dass die konzertierten Bemühungen der Geheimdienste das Rätsel am Ende auflösen können, denn ihr Scheuklappendenken geht ausschließlich in eine Richtung, in diesem Fall in die der islamistische Terrorgefahr. Auch dieser Text ist keine Erfindung, sondern basiert auf wahren Begebenheiten.
Ruth Zimmer trug im Anschluss ihr Lied von der Gerechtigkeit vor. Ist Gerechtigkeit erst dann vollzogen, wenn die Besitzverhältnisse gerecht sind, oder reicht dazu bereits die sogenannte Chancengerechtigkeit (nach der Devise „Jeder ist seines Glückes Schmied“)? Die Überleitung zum nächsten Textblock ergab sich zwanglos, da in ihm die Beschäftigungsverhältnisse und sozialen Auswirkungen angeprangert wurden, zu denen die durch Schröder 2003 eingeführten „Reformen“ unter dem Stichwort Hartz IV geführt haben. Bohrer erläuterte dazu, dass das Programm für dieses Regierungshandeln von Rot-Grün in einem Papier der Bertelsmann-Stiftung unter dem Titel „Wirtschaftspolitischer Forderungskatalog für die ersten 100 Tage der Regierung“ zusammengefasst war, veröffentlicht in der Wirtschaftszeitung Capital. Angela Merkel dankte ihrem Vorgänger im Kanzleramt 2005 ausdrücklich für das „mutige und entschlossene“ Aufstoßen einer Tür, um „unsere Sozialsysteme an die neue Zeit anzupassen“. Es folgten weitere Einblicke in die Wirtschaft, konkret zu den Profiten, die durch die Schweinegrippe gemacht wurden sowie zum militärisch-industriellen Komplex mit seinem gesamten Personal, vom Panzerfahrer Fritz über die Journalistin mit ihrem wohlwollenden Artikel über den Panzer bis zur Rüstungsfirma, die ihn herstellt.
Daran schloss sich Pete Seegers Lied „Sag mir wo die Blumen sind“ an, ein textlich sehr einfaches, dennoch ergreifendes Friedenslied, das wahrscheinlich gerade deshalb so große Verbreitung gefunden hat und zu dessen Entstehung und zur Biografie von Pete Seeger Hintergründe vermittelt wurden. Letzterer war in den 50er Jahren in den USA der antikommunistischen Verfolgung unter dem Senator McCarthy ausgesetzt, bei der es vorgeblich gegen „antiamerikanische Umtriebe“ ging, in Wirklichkeit jedoch eine moderne Form der Hexenjagd veranstaltet wurde. Im Falle Seegers bestand der Preis für sein Engagement in einem Jahr Haft und einem Medienboykott, der sich über 17 Jahre hinzog.
Der abschließende Textblock enthielt eine genau zum Abend passende Geschichte, wurde doch zur gleichen Stunde im Bundestag abschließend der Fiskalpakt und der neue Rettungsschirm ESM behandelt. Meiser beschrieb eine Ich-AG, die eine ganz besondere Dienstleistung anbietet: Parlamentsabgeordnete, die bei Abstimmungen Probleme haben, das von ihnen verlangte Abstimmungsverhalten mit ihrem Gewissen in Einklang zu bringen, geben für die Zeit der Abstimmung dort ihr Gewissen ab. Damit ist ihnen geholfen und bei Einführung in allen deutschen Parlamenten werden (hurra!) gleichzeitig 17 neue Arbeitsplätze geschaffen und 17 Firmen gegründet. Am Ende der satirischen Beiträge stand die Geschichte von Frau Krise und Herrn Aufschwung, in der für die Zuhörer schlüssig bewiesen wurde, dass die Regierung nicht lügt.
Zum Schluss trug Peter Meiser sein Gedicht „Lasst Träume fliegen“ vor und wurde dabei von Ruth Zimmer auf der Gitarre begleitet. Es ist eine Ermutigung, sich nicht der Resignation hinzugeben oder wegen seiner Visionen zum Arzt zu gehen, wie es Helmut Schmidt einst empfahl. Stattdessen endet das Gedicht mit der Aufforderung: „Kämpft – dann werden auch Träume wahr“.
1 Kommentar zu „Atelier Mario Andruet Saarwellingen – Lesung satirischer Texte von Peter Meiser,musikalisch begleitet von Ruth Zimmer“
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dass “Meiser sich mit Pferden, aber auch Eseln hervorragend auskennt”,liegt wahrscheinlich daran, dass er schon jahrelang in der Politik tätig ist.
Es sei auch noch eine Frage erlaubt: Im zweitletzen Abschnitt ist die Rede vom Fiskalpakt. Ist das richtig geschrieben? Oder müsste es Fieskahlpakt heißen?