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Fachartikel kritisiert Vorgehensweise bei Chemikalientestung

Braunschweig – Das EU-Chemikalienüberprüfungsprogramm REACH sei ein gut gemeinter aber wissenschaftlich verfehlter Versuch, die menschliche Gesundheit und die Umwelt vor den Auswirkungen giftiger Chemikalien zu schützen, so das Fazit eines im Peer Review Journal ‚Medicolegal and Bioethics’ veröffentlichen Berichts. Die Autoren, Wissenschaftler aus Frankreich und Italien, kritisieren, dass sich die EU bei der Beurteilung von Chemikalien auf unzuverlässige Tierversuchsergebnisse verlässt.

Die EU-Chemikalienrichtlinie REACH steht für Registrierung, Evaluierung, Autorisierung von Chemikalien und sieht vor, tausende Chemikalien auf ihre Sicherheit für Mensch und Umwelt zu überprüfen. Die Autoren des Artikels halten Tierversuche für ungeeignet, menschliche Reaktionen vorherzusagen und fürchten, dass trotz eines Tiermassakers die öffentliche Gesundheit weiterhin durch Auswirkungen giftiger Chemikalien gefährdet sein wird.

So waren von 1.500 Substanzen, die bei Tieren zu Missbildungen der Jungen führten nur 40 auch bei Menschen embryoschädlich. Als Beispiel wird Bisphenol A angeführt, ein Weichmacher, der in Verdacht steht, Schäden bei der Fortpflanzung zu verursachen. In der wissenschaftlichen Literatur findet man widersprüchliche Angaben zur Reproduktionsgiftigkeit der Substanz, je nachdem welche Tierarten oder welche Zuchtlinien von Ratten und Mäusen verwendet wurden.

Als Hauptgrund für die Unzuverlässigkeit von Tierversuchsergebnissen nennen die Autoren, dass Lebewesen, insbesondere Säugetiere, sehr komplexe Systeme mit spezifischen Eigenschaften seien, die nicht die Reaktion eines anderen komplexen Systems vorhersagen können. So reagieren verschiedene Mauslinien ganz unterschiedlich auf das Ausschalten bestimmter Gene. Auch beim Menschen kann eine Arzneimittelwirkung je nach Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit verschieden ausfallen.

»REACH schießt sich selbst ein Eigentor«, erklärt André Menache vom französischen wissenschaftlichen Komitees Antidote Europe und einer der Autoren des Fachartikels. »Zwar legt REACH die Beweislast den Herstellern auf, die die Sicherheit ihrer Produkte beweisen müssen, verlangt dies aber mittels ungeeigneter Prüfmethoden.«
»Das Vorhandensein von fast 300 Industriechemikalien im Nabelschnurblut von Neugeborenen zeugt von einer gescheiterten Schadstoffbekämpfungsstrategie. Dabei sollten sich die EU-Gesundheitsbehörden doch auf die Schadstoffvermeidung konzentrieren«, so André Menache weiter.

Die Autoren des Berichts fordern, bei der Risikobewertung von Chemikalien statt Tierversuchen moderne toxikologische Methoden einzusetzen. Beispielsweise wird beim Biomonitoring das Vorkommen von schädlichen Substanzen in der Bevölkerung aufgespürt. „Schädliche Chemikalien, die im Blut von Erwachsenen, Nabelschnüren oder Urinproben gefunden werden, müssen verboten werden“, resümiert Menache.

Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche betreibt seit 2010 ein Projekt um REACH-Tierversuche zu verhindern. Dabei fahnden Toxikologie-Experten nach bereits vorhandenen Daten zu Chemikalien, die im Rahmen von REACH an Tieren getestet werden sollen.

Weitere Informationen:
REACH-Projekt der Ärzte gegen Tierversuche
Menache A, Nastrucci C: REACH, animal testing, and the precautionary principle. Medicolegal and Bioethics 2012, 2; 13-29, DOI: http://dx.doi.org/10.2147/MB.S33044

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