Die Autobiographie.
Rezension von Klaus Ludwig Helf
Der Sänger, Schauspieler, Entertainer und Menschen- und Bürgerrechtler Harry Belafonte feierte am 1. März 2012 seinen 85. Geburtstag; kurz darauf erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch die deutsche Übersetzung seiner Autobiografie. Es ist ein starkes und faszinierendes Buch über ein ereignisreiches und erfülltes Leben voller sozialer, politischer und kultureller Umbrüche, vom zweiten Weltkrieg über die Bürgerrechtsbewegung, den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, über die Kennedy-Ära bis zur Wahl Bill Clintons und zuletzt Obamas – und Belafonte war nicht nur Zeitzeuge, sondern weltweit politischer Aktivist und Gestalter mit nicht unerheblichen Einfluss und Gewicht. Gegen seinen erklärten Willen wurde er als „Calypso-König“ bezeichnet und gefeiert, ebenso als Folksänger; seine eigentliche Leidenschaft als Künstler galt aber von Beginn an der Schauspielerei. All das schildert er nun in einer Autobiografie. Belafonte verkaufte Millionen von Schallplatten, war erfolgreich als Schauspieler und auch als Filmproduzent und spendete privat viel Geld zur Unterstützung humanitärer und politischer Zwecke weltweit. Als Mitorganisator des Projekts „USA for Africa”, konnte er mit „We Are The World” Millionen Dollar für Afrika einsammeln. Er unterstützte im Wahlkampf Bill Clinton und galt als einer der schärfsten Kritiker von George W. Bush: „George W.Bush war- und ist- für mich immer noch ein Terrorist…Durch den Krieg, den er grundlos und in betrügerischer Absicht gegen den Irak anzettelte und den Tausende amerikanische Soldaten und Soldatinnen und über hunderttausend Irakis, der Großteil davon Zivilisten, überflüssigerweise mit dem Leben bezahlten, qualifiziert er sich für diesen Titel, zumindest wenn man mich fragt“(S.595f).
Keineswegs milde gestimmt im Alter kritisiert er auch den ersten schwarzen Präsidenten der USA, dessen Wahl er natürlich grundsätzlich unterstützte und freudig begrüßte: „Seiner Gewandtheit und seinem Intellekt zum Trotz scheint es Barack Obama an einer grundsätzlichen Empathie für die Besitzlosen zu fehlen, gleichgültig, ob weiß oder schwarz. Ehrlich gesagt hätte ich gedacht, für den ersten schwarzen Präsidenten hätte die Arbeit zur Verbesserung der Lage schwarzer Amerikaner in den Innenstädten oberste Priorität…Ich wünschte mir, er würde nachdrücklicher sagen, dass es nach wie vor Rassenkonflikte gibt; er würde Herz zeigen, Farbe bekennen. Dadurch, dass er einen politischen Mittelkurs fährt, sich von den Linken distanziert, hat er die Armen schon so gut wie im Stich gelassen“(S.605f).
Belafonte ist seit Jahren Botschafter für UNICEF, lebt mit seiner Frau Pamela in New York und ist nach wie vor aktiv und mischt sich ein: „Wenn es für das Leben, das ich bisher gelebt habe, ein Credo gab, dann vielleicht: Nimm alles mit. In einem Balanceakt zwischen Kunst und Aktivismus mit Schlagseite zu Letzterem waren meine Tage genauso vollgestopft wie meine Abende“(S. 473). Bewundernswert ist, dass er trotz aller Niederlagen und pessimistischen Prognosen gegen Ende seines bewegten Lebens optimistisch geblieben ist: „Mir ist bewusst, dass wir heute in einer Welt leben, die überquillt vor Grausamkeit und Zerstörung. Unsere Erde fällt auseinander, unser Geist stumpft ab, unsere moralischen Ziele und unsere schöpferischen Visionen kommen uns abhanden. Und doch glaube ich fest daran- und das habe ich immer getan-, dass unsere beste Zeit noch vor uns liegt und dass wir auf dem Weg dorthin einer beim anderen Trost finden können. Das ist mein Song“(S.608).
Belafonte hat eine Jahrhundertbiografie vorgelegt, eine faszinierende und mitreißende Lebensgeschichte, deren Aufzeichnung ihm nicht leicht viel – wie er bekennt: „Es war nicht leicht. Es beanspruchte mich bis zur Erschöpfung, bis zur Frustration, bis zur Qual. Zuletzt aber hat es sich gelohnt, das alles auf sich zu nehmen“(S.609). Diese Ehrlichkeit, Offenheit und auch Selbstkritik durchzieht sein gesamtes Werk; er scheut nicht davor zurück, seine Spielsucht, seine Verletzlichkeit und seine Fehler im Umgang mit seiner Familie und vor allem mit seinen Frauen zu benennen. Diese Offenheit und Realitätsnähe verhindert auch, dass man die Biografie wie ein Märchen liest, obwohl die Versuchung naheliegt:
In armen Verhältnissen aufgewachsen wurde Belafonte zu einem der bekanntesten und beliebtesten Entertainer unserer Zeit; er nutzte den Einfluss und die Macht seiner Popularität, um für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen.
Harry Belafonte wurde am 1. März 1927 in Harlem, New York, als Sohn eines Schiffkochs und einer Haushaltshilfe geboren, wuchs bei seinen Großeltern in Jamaika auf, wo er auf ein Internat ging und die Calypso-Musik für sich entdeckte und neben anderen auch seinen weltberühmten „Banana Boat Song“ entwickelte: „ Der `Banana Boat Song` war mein berühmtestes Lied, vor allem aber war es ein Schrei aus den Herzen armer Arbeiter, ein Aufschrei, gemischt aus Müdigkeit und Hoffnung…“(S.16f).
In seinem Buch trifft man sie alle: Marlon Brando und Sydney Poitier, mit den er lange befreundet war, Eleanor Roosevelt, John F. Kennedy, Martin Luther King, Jr., Robert Kennedy, Nelson Mandela, Fidel Castro, Bill Clinton, Barack Obama …
Belafonte erzählt lebendig und spannend die Stationen seines Lebens, gespickt mit vielen tragischen und traurigen, humorvollen und lustigen Anekdoten von seiner Kindheit im Harlem der 1930er-Jahre, von den Bananenplantagen in Jamaika, von der Schauspielklasse des deutschen Exilanten Erwin Piscator (Belafonte hatte sein Militär-Stipendium zum Entsetzen seiner Familie für die Schauspielausbildung eingesetzt); dort lernte er Marlon Brando, Walter Matthau und Tony Curtis kennen, mit denen er auch noch später spielen sollte; er erzählt von den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung, seiner Freundschaft mit Martin Luther King, Jr., und auch von seiner Wahlkampfwerbung für John F. Kennedy:
„Ich war ein schwarzer Entertainer, der die Massen fesselte, ohne jemals ein Wort über Hautfarbe zu verlieren. Unterschwellig sendete dies eine mächtige Botschaft. Hier stand jemand, der nicht lavierte und lamentierte oder einen auf Onkel Tom machte. Mein ganzes Auftreten auf der Bühne stellte klar, dass ich mein Publikum und mich auf gleicher Höhe sah. Und die Leute reagierten entsprechen.“(S.204).
Die Biografie ist ein spannendes und hochinteressantes, sehr gut lesbares politisches Zeitdokument; die zahlreichen Fotografien und Reproduktionen von Dokumenten und Schallplatten-Covers und das Personen- und Sachregister verleiten immer wieder zum Schmökern und Nachblättern.
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Köln 2012 – 656 Seiten, gebunden; 24,99 Euro




















































































