Lehrjahre
Von Georges Hallermayer/Paris
Francoise Nicolas, Direktorin des Center for Asian Studies am IFRI (Institut francais des relations Internationales in Paris/Brüssel) schrieb noch vor drei Jahren (1), dass chinesische Unternehmen noch in der Versuchsphase bei ihren ausländischen Unternehmungen steckten. “Sie lernen noch, bezahlen manchmal Lehrgeld, und grenzüberschreitende Übernahmen bleiben für viele chinesische Unternehmen enttäuschend.” Die UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung)-Statistik bemerkte, dass “manche chinesische Unternehmen sogar Forschungs- und Entwicklungszentren in Industrieländern erstellen mit der Absicht High-Tech Humankapital zu erlangen und von Mengeneffekten in den Anhäufungen von Industrien zu profitieren.” (2)
Konkret zielte China vor allem auf die folgenden drei Unternehmensgruppen:
finanziell schwache Unternehmen (z.B. übernahm Shenyang Schiess, Dürrkopp wurde von SGSB-Group Ltd. Übernommen) konkurrierende Produzenten eines Nischenmarktes (z.B. China Blue Star übernahm Rhodia Silicones) frühere Gesellschafter oder Subunternehmen (z.B. Chalkus Industries Ltd. oder Le Cabanon-Conserves de Provence, die Nr.1 in Frankreich für die Produktion und Verarbeitung von Tomaten) (3)
Hauptziele vieler chinesischen Unternehmen bleibe aber neben dem Zugang zu technischem Know-how vor allem der Einzug in Markenbranchen und in Vertriebs- und Kundennetzwerke (4). Eine nicht unbedeutende, koordinierende Rolle spielt dabei die EU-Handelskammer in China; aktuell boten im Juni 2012 auf einer Konferenz in Beijing führende Unternehmen wie Banken (u.a. Bank of China, JP Morgen Chase, BNP Paribas), spezialisierte Beratungsgesellschaften (u.a. Rhodium, KPMG, Roland Berger, Estin & Co.) und Anwaltskanzleien (u.a. Freshfields, , Gide Loyrette Nouelle, Steptoe) strategischen Rat für chinesische Investoren (5).
Rasantes Anwachsen
Diese Etappe von “trial and error”, Versuch und Irrtum, scheint vorbei zu sein: Chinesische Direktinvestitionen stiegen im ersten Halbjahr 2012 um bemerkenswerte 48 % (6). Nach dem Sprecher des chinesischen Handelsministeriums Schen Danyang beliefen sich die “gesamten im nicht-finanziellen Sektor getätigten Direktinvestitionen im Ausland bis Ende Juni 2012 auf 290,9 Mrd. €.” (7), wobei vom fünftgrößten globalen Investor nur ein Drittel als Fusionen und Übernahmen getätigt wurden (8). “Verschiedene Faktoren, einschließlich des zunehmend geschätzten Yuan, Chinas beträchtliche Devisenreserven sowie heimische Unternehmen, die ins Ausland expandieren” seien die treibende Kräfte hinter dem schnellen Wachstum (9). “Der Trend ist eindeutig. Die ODI (outbound direct investment) befinden sich auf einem Weg des Wachstums, das vermutlich für einige Jahrzehnte anhalten wird” erklärte Chen Runyun, Wirtschaftsberater in der Abteilung für Auslandsinvestitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit des Handelsministeriums. (10)
Fokus auf Schlüsselsektoren
Während sich bis Ende 2010 die chinesischen Investitionen im Ausland hauptsächlich auf die Bereiche Fertigung, Einzel- und Großhandel, gewerbliche Dienstleistungen und Bergbau konzentrierten, fokussierte Premierminister Wen Jiabao in dem jährlichen Arbeitsbericht der chinesischen Regierung zum ersten Mal darauf, stärker in Schlüsselsektoren in Übersee zu investieren, einzukaufen und sich in diesen Sektoren zusammenzuschließen: im Energie- und Rohstoffsektor sowie in der Landwirtschaft und in der Fertigung (11).
Sang Baichuan, Leiter des Institute of International Business an der University of International Business and Economics in Beijing, sagte, ein neues Zeitalter sei angebrochen: Nach Jahrzehnten des Wachstums seien chinesische Unternehmen nunmehr in der Lage, selbst den entwickelten US-Markt zu betreten (12).
Und was tut sich in Europa?
Chinas Auslandsinvestitionen in Europa waren bislang eher gering. Sie wachsen aber immer schneller und im vergangenen Jahr nahmen sie um sage und schreibe 94 % zu (zum Vergleich: im Schwerpunkt Afrika um 59 %) (13), haben sich mehr als verdreifacht (14), während sich die Anzahl der Investitionen mit einem Kapitaleinsatz von mehr als 800.000 € verdoppelte (15). Eine Vorliebe lässt sich für Investitionen in Ländern feststellen, in denen bestimmte Branchen Schlüsseltechnologien aufweisen wie die Maschenbau-Industrie in Deutschland (z.B. Schenyang Group, Huapeng Trading, Dalian Machine), die Automobil-Industrie in Großbritannien (z.B. Nanjing Automotive und die Huaxiang Group) (16) und die Chemie- und Luftfahrtindustrie in Frankreich (17).
So befragte die Unternehmensberatungsgesellschaft Ernest & Young insgesamt 400 chinesische Großunternehmer und Mittelständler zwischen Mai und Juni 2012 zur Attraktivität von Investitionsstandorten (18). Für ein Viertel der befragten Manager zählte Deutschland zu den drei wichtigsten Standorten in der Welt. Sie zeigten sich daran interessiert, insbesondere in den Maschinenbau und in die Automobilindustrie zu investieren.
Geographisch gesehen liegt der Fokus des chinesischen Interesses in Europa auf Frankreich, Deutschland und Großbritannien, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft Rhodium Group in Zusammenarbeit mit der chinesischen Investmentbank CICC und Brunswick zeigt (19). Wenn man Frankreich und Deutschland vergleicht, fällt auf, dass bislang China in Deutschland mehr als das Doppelte investiert hat, nämlich einen Bestand an ausländischen Direktinvestitionen (OFDI stock) in Höhe von 1060 Mill. US-$ im Vergleich zu Frankreich mit 472 Mill. US-$ (20). Wenn man allerdings das vergangene Jahrzehnt anschaut, ergibt sich ein differenzierteres Bild (21):
Wenn man berücksichtigt, dass die Spitzenposition in Europa durch die 30 %-Beteiligung an dem Forschungszweig von Gaz de France (GDF Suez) in Höhe von 3 Mrd. US-$ begründet ist (22), erkennt man den französischen “Nachholbedarf”, zeigt aber auch die Chancen, mit Hollande, der “nicht die US-Geneigtheit seines Vorgängers teilt, ein neues Kapitel der chinesisch-französischen Beziehungen zu öffnen” (23), wie David Gosset, der Direktor der Academia Sinica Europaea an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, Beijing und Accra und Gründer des Euro-China Forums schreibt.
Interkulturelle Zusammenarbeit weist in die Zukunft
Gosset verweist darauf, dass ähnlich wie bei General de Gaulle – der die Affinitäten zwischen Frankreich und China betonte, als 1964 Frankreich als das erste Land unter den Westmächten die vollen diplomatische Beziehungen aufnahm – die “Chemie” zwischen Präsident Hollande und Xi Jinping, dem nächsten chinesischen Führer “compatibel” zu sein scheint (24). Gosset meint, dass diese kulturellen und historischen Affinitäten zu reaktivieren seien, als “Dreh- und Angelpunkt” dienen könnten.
Auf chinesischer Seite wurden ähnliche Überlegungen angestellt. Natürlich sieht man Schwierigkeiten und Hindernisse, z.B. verweist Chen Runyun (25) auf die Technologie-Blockade einiger europäischen Länder oder Li Rongcan, Staatssekretär für Handel, der erklärte, dass sich “viele chinesische Unternehmen und Investoren darüber beklagten, Protektionismus” ausgesetzt zu sein (26). “Chinesische Unternehmen im Ausland müssen ihre Soft-Power (weiche Macht) stärken”, wie sich Zhang Gouqing, stellvertretender Direktor der Abteilung für Politikforschung im Handelsministerium, ausdrückte (27). So wurde im Mai zum ersten Mal kulturelle Leitlinien von sechs Ministerien und Ämtern, darunter das Handelsministerium, veröffentlicht. Die Leitlinien informieren darüber, wie man mit Unterschieden in der Sprache, Konventionen, Werten und religiösen Überzeugungen umgehen sollte und betonte darüber hinaus die Bedeutung, Arbeitsplätze zu schaffen (28), nicht zuletzt wegen der erwarteten Deviseneinnahmen von bisher jährlich 4 Mrd. US-$ (29); im ersten Halbjahr 2012 wurden 216.000 Chinesen ins Ausland entsandt, ein Anstieg von 2,4 % im Vergleich zum Vorjahr (30).
Demensprechend zielte auch der 9. “Chinese Investors Club in France and in Europe” der an der Bourse de Commerce de Paris von der Invest in France Ageny (IFA), der Paris Chamber of Commerce and Industry (CCIP) und der Association of Chinese Companies in France (AECF) organisiert wurde, auf internationale Mobilität und interkulturelles Management (31). Die gewaltige kulturelle Diskrepanz zwischen Frankreich und China ist nicht einfach zu überbrücken. Aus diesem Grunde führte die Pariser Industrie- und Handelskammer eine Reihe von interkulturellen Management-Seminaren durch, um einerseits chinesischen Managern die Möglichkeit zu geben, das französische politisch-wirtschaftliche System leichter zu begreifen und im Gegenzug französischen Angestellten die chinesische Art zu denken näherzubringen. Franzosen haben nicht die gleichen Erwartungen wie Chinesen, so müssten chinesische Investoren z.B. einige Schlüsselelemente berücksichtigen, um erfolgreich qualifizierte Bewerber einzustellen, wie die Bezahlung, die Arbeitsplatzsicherheit, das Betriebsklima und das Firmenimage (32).
Die neue Seidenstraße führt nach Lothringen
Im 4-Länder-Eck Frankreich/Deutschland/Luxemburg/Belgien wird im Oktober der Grundstein für ein gigantisches Geschäftszentrum gelegt. In der Nähe von Thionville in Lothringen entsteht seit mehreren Jahren eine 130 ha große Drehscheibe für den Handel, die technologische und industrielle Zusammenarbeit mit China: Internationale Trade Technology and Exhibition Center (ITEC Europe), eine B2B-Plattform (Business to Business), auf der v.a. französische, aber auch andere Unternehmen mit chinesischen direkt zusammenarbeiten. Platz ist geschaffen für 2000 chinesische Unternehmen, v.a. Klein- und Mittlere Unternehmen (KMUs), jedes eine Räumlichkeit von 80 qm. 15.000 qm sind für europäische Unternehmen vorgesehen. ITEC bietet die Infrastruktur für Konferenzen und Ausstellungen, Verwaltung, Finanzmanagement und Entwicklung, aber auch Marketing und Kundendienst. “Ein Stadtviertel, aufgerufen, sich in Funktion des Bedarfs zu entwickeln”, erklärte Regis Passerieux, PDG von Terra Lorraine, eine Tochter der Luxemburger Comex Holding, eine Risikokapital-Gesellschaft, die bislang 150 Mio. € investierte. Über 3.000 Arbeitsplätze sollen dazu sukzessive geschaffen werden (33).
Wie ernst es der chinesischen Seite ist, beweist sich in der Präsenz von so schwergewichtigen Repräsentanten wie Dong Bin, Präsident des Boao Forum for Asia mit Sitz in Beijing, das asiatische Gegenstück zum Weltwirtschaftsforum Davos und Pan Jiang, dem Präsidenten von CASME (Category & Sourcing Managers mit dem Leitspruch: “Wir erleichtern den Austausch von Informationen zwischen Beschaffungsmanagern”) einer internationalen Gesellschaft, die in China 200.000 KMUs betreut (34).
Besonders überzeugt habe die Chinesen der Standort des Mega-Centers, seine zentrale Lage in West-Europa und besonders die Verkehrsanbindung: Autobahnzufahrt, Eisenbahn (TGV Paris – Brüssel) und ein Zugang zur Mosel. Der Binnenhafen eröffnet die Verbindung zu Antwerpen und Rotterdam, was einen Schiffstransport von 45 Tagen Dauer ermöglichen wird. Aber das Meisterstück wird die Anbindung an die neue Seidenstraße, die mit deutscher Unterstützung über die GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) in Kasachstan gebaut wird. Comex erreichte ein Übereinkommen mit Kasachstan – die Anwesenheit des Vertreters der kasachischen Botschaft in Frankreich auf der Präsentation bestätigt dies (35) – was erlaubt, in 12 bis 14 Tagen über Russland und Zentralasien den Transport hin und zurück auf der Straße in Rekordzeit zurückzulegen.
Anmerkungen:
(1) Francois Nicolas: Chinese ODIs in France. Paris 2010, S. 15 (conclusion)
(2) China-briefing.com vom 04.06.2012 “Chinesische Auslandsinvestitionen in Europa”
(3) a.a.O.
(4) china-briefing.com, a.a.O.
(5) Rhodium Group vom 03.08.2012. http://rhgroup.net/events/chinas-investment-in-europe-opportunities-and-challenges
(6) german.chinma.org.cn vom 18.7.2012 “Chinas Direktinvestitionen im Ausland steigen um 48 Prozent” (Hongkong 48,9 %, ASEAN 34,3 %, USA 28,2 % und Russland 20,3 %)
(7) a.a.O
(8) a.a.O.
(9) german.china.org.cn vom 01.06.2012 “Chinesische Investitionen im Ausland steigen rapide an”
Die Provinzen Guangdong, Shandong, Hunan, Gansu und Jiangsu sind die aktivsten Investoren 2012 nach Shen Danyang (a.a.O.)
(10) german.china.org.cn vom 01.06.2012 “Chinesische Investitionen im Ausland steigen rapide an”
(11) german.china.org.cn vom 31.07.2012 “Chinas Investitionen in den USA erreichen Rekordhöhe”
(12) a.a.O.
(13) a.a.O.
(14) Die Welt vom 07.06.2012. http://m.welt.de/article.do ?id=wirtschaft/article106434538/Chinas-Firmen-in-Europa-auf-Schnaeppchen-Tour&cid=finanzen&pg=1&li=1
(15) Rhodium Group vom 03.08.2012. http://rhgroup.net/events/chinas-investment-in-europe-opportunities-and-challenges
(16) china-briefing.com vom 04.06.2012
(17) Yan Jufen, Generalbevollmächtigter des Chinesischen Rats zur Förderung des Internationalen Handels in Frankreich, in: german.china.org.cn vom 01.06.2012
(18) saarlorlux.businesson.de vom 15.06.2012
(19) Thilo Hanemann, Daniel H. Rosen: Chinas Invest in Europe. Patterns, Impacts and Policy Implications. June 2012, in:
http://rhgroup.net/wp-content/uploads/2012/06/RHG_ChinaInvestsInEurope_June2012.pdf.
(20) a.a.O., S. 34
(21) a.a.O., S. 38
(22) L’Humanite vom 28.02.2012 “L’empire du Milieu fait ses emplettes en Europe”
(23) David Gosset, in: “A Renewed Ambition for Sino-French Relations”, in:
http://www.huffingtonpost.com/david-gosset/china-france-relations_b_1513074.html vom 13.05.2012
(24) a.a.O.
(25) siehe Anmerkung 9
(26) a.a.O.
(27) a.a.O.
(28) a.a.O.
(29) german.china.org.cn vom 01.08.2012 “Ins Ausland entsandte chinesische Arbeitskräfte erhalten besseren Rechtsschutz”
(30) a.a.O.
(31) The Invest in France Agency vom 13.06.2012 “Ninth “Chinese Investors Club” program focuses on international mobility and intercultural management”
(32) a.a.O.
(33) Republicain Lorrain vom 11.07.2012 “La nouvelle route de la soie” und “Les Chinois à Illange: c’est sur les rails”
(34) Les Echos vom 11.07.2012
(35) siehe Anmerkung 33

























































































