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Vor 75 Jahren: Gauleiter Bürckel vereitelt Feier Bischof Sebastians

Bischof Sebastian als junger Pfarrer – Quelle: Necrologium Spirense/Wikimedia Commons

Speyer (is). Es war eine spektakuläre Demonstration der Nationalsozialisten gegen die katholische Kirche: Der 15. August 1937 sollte eigentlich ein großer Festtag für die Katholiken im Bistum Speyer werden. Tausende wollten nach Speyer pilgern, um an Mariä Himmelfahrt das Goldene Priester- und 20-jährige Bischofsjubiläum von Bischof Dr. Ludwig Sebastian zu feiern. Doch aus dem geplanten kirchlichen Fest vor 75 Jahren wurde nichts: Die nationalsozialistischen Machthaber – an ihrer Spitze der pfälzische Gauleiter Josef Bürckel – vereitelten die Jubiläumsfeier. 60 000 Angehörige von NS-Organisationen marschierten am 15. August durch die Domstadt, Bischof Sebastian feierte still im Benediktinerstift Neuburg bei Heidelberg.

Bereits in den Monaten zuvor hatte sich das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und NSDAP dramatisch zugespitzt – sowohl in ganz Deutschland als auch insbesondere im Bistum Speyer. Anfang 1937 kam es im saarpfälzischen Frankenholz zu einem Schulstreik, nachdem in der katholischen Volksschule Hitlerbilder an den bisherigen Platz der Schulkreuze gerückt waren. Daraufhin trat die Gestapo auf den Plan und verhörte 60 Personen. Vier Männer und eine Frau wurden verhaftet und fünf Wochen im Saarbrücker Gefängnis eingesperrt. Es wurden hohe Geldstrafen verhängt; 14 Männer verloren ihre Arbeit in der Grube Frankenholz; die Lehrerin Paula Betz wurde aus dem Schuldienst entlassen. Bischof Sebastian unterstützte die in Not geratenen Familien mit einer Kollekte und informierte die Gläubigen über die Vorfälle in der Saarpfalz. In Hirtenworten ließ er keinen Zweifel daran bestehen, dass die Umhängung der Schulkreuze kein lokaler Einzelfall war, sondern vielmehr charakteristisch für christentumsfeindliche Bestrebungen der Nationalsozialisten.

Dass es den Herrschern des „Dritten Reiches“ in der Tat darum ging, den Einfluss der Kirchen auf die Erziehung der Jugend auszuschalten, trat sehr bald noch deutlicher zum Vorschein. Am 19. März 1937 kündigte Gauleiter Bürckel eine Abstimmung über die Einführung der so genannten christlichen Gemeinschaftsschule an. Diese fand bereits einen Tag später statt. Bei der Abstimmung wurden Eltern unter Hinweis auf den möglichen Verlust des Arbeitsplatzes oder den Entzug staatlicher Unterstützungshilfen massiv unter Druck gesetzt. Es war daher kein Wunder, dass die NSDAP das gewünschte Ergebnis erzielte und somit unter Berufung auf den vermeintlichen Elternwillen die konfessionellen Volksschulen abschaffen konnte.

Nur einen Tag später wurde in den Gottesdiensten in ganz Deutschland die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ verlesen. Für die auf absolute Gleichschaltung bedachten NS-Gewaltigen bedeutete das Papst-Schreiben mit seiner Ablehnung der nationalsozialistischen Herrenmenschenideologie und der unmissverständlichen Kritik an kirchenfeindlichen Maßnahmen eine ungeheuere Provokation.

So war es kein Wunder, dass die Verfolgungsmaßnahmen gegen Geistliche 1937 einen neuen traurigen Höhepunkt erreichten. In der Pfalz und Saarpfalz ging es Gauleiter Bürckel nicht zuletzt darum, die katholische Kirche als überholte und national unzuverlässige Institution zu brandmarken. In seiner Ansprache zur Schulabstimmung, die vom Rundfunk übertragen und in der NS-Presse abgedruckt wurde, sagte der Gauleiter: „Gemessen an der Größe des Geschehens, wie jämmerlich klein sind da die Geister, die in mittelalterlichen Pantoffeln herumschleichen, um Geschäfte kleinfürstlicher Erbschleicher zu machen.“ Besonders den greisen Bischof bedachte Bürckel mit größter Gehässigkeit. Er steigerte sich geradezu „in einen Hassfeldzug gegen Kirche und Bischof hinein“, so das Urteil eines Historikers.

Die Dekane des Bistums reagierten mit einer Solidaritätserklärung für ihren Bischof. Die Erklärung, für die Geistlicher Rat Josef Schröder (Deidesheim) als ältester Dekan verantwortlich zeichnete, wurde in allen Gottesdiensten verlesen. Bürckel reagierte prompt und strengte gegen Schröder einen Prozess wegen Beleidigung an, der – wie nicht anders zu erwarten – mit der Verurteilung des Dekans endete. Schröder musste eine Geldstrafe von 200 Reichsmark (ersatzweise zehn Tage Gefängnis) hinnehmen.

Das Verfahren vor dem Landgericht Frankenthal diente erneut dazu, den Bischof, der als Zeuge geladen war, zu diskreditieren. Sebastian wurde in der Parteipresse sowie in der parteiamtlichen Wandzeitung “Parole der Woche” unter dem Titel “Roms alte Männer” des Konkordatsbruchs und illegalen Briefverkehrs mit dem Ausland bezichtigt. Landesweit wurde der 74-jährige Bischof als “Hoch- und Landesverräter” geschmäht.

Nach diesen Ereignissen konnte es Bürckel auf keinen Fall zulassen, dass der 15. August 1937 zu einem weiteren öffentlichen Bekenntnis vieler Katholiken zu ihrer Kirche werden konnte. Schon bei einer Wallfahrt Anfang Mai waren 12 000 Mädchen nach Speyer gepilgert und hatten den Bischof im Anschluss an einen Gottesdienst im Dom mit einer Kundgebung geehrt. Höhepunkt der Feierlichkeiten sollte die Wallfahrt der Frauen am Fest Mariä Himmelfahrt werden. An diesem Tag wollte auch der Bischof seine eigentliche “Jubelmesse” feiern. Rund 25 000 Frauen hatten sich angemeldet, zahlreiche Sonderzüge waren bei der Reichsbahn angefordert und auch schon bewilligt worden.

Daher setzte Bürckel für den 15. August eine Großkundgebung von Parteiformationen in Speyer an. 60 000 Braunhemden – vorwiegend SA und Hitlerjugend – wurden laut Zeitungsberichten aufgeboten. Die Reichsbahn zog ihre Zusage für die Wallfahrts-Sonderzüge wieder zurück. Autobusse, die eigentlich den Frauen zur Verfügung gestellt werden sollten, wurden nun für die Gefolgsleute des Gauleiters beansprucht. In der Presse erschien eine ganzseitige Bekanntmachung Bürckels, in der die geplanten kirchlichen Feierlichkeiten als “politische Demonstration unter religiöser Verbrämung” gebrandmarkt wurden. Scheinheilig gab der Gauleiter die Parole aus: “Dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!”

Angesichts dieser Situation entschied sich Bischof Sebastian, um Zusammenstöße zwischen Katholiken und Nationalsozialisten zu vermeiden, für eine stille Feier seines Ehrentages. Gemeinsam mit dem Erzbischof von Bamberg und den Bischöfen von Würzburg und Eichstätt sowie einigen wenigen weiteren Gästen beging er das Jubiläum in der Klosterkirche des Stifts Neuburg. In Speyer hetzte währenddessen Bürckel gegen die Kirche und den Bischof, den er als einen nicht mehr ganz zurechnungsfähigen “alten Herrn” darstellte, dessen Autorität für “dunkle politische Geschäfte” missbraucht werde.

Die Treue der Katholiken zur Kirchenleitung konnten die Nationalsozialisten mit ihren Aktionen gegen Bischof Sebastian vor 75 Jahren nicht brechen – ganz im Gegenteil. So stellte das Staatspolizeiamt Speyer bei der Überwachung der bischöflichen Post „ostentative Treuebekenntnisse“ fest. Bei der traditionellen Wallfahrt der Männerkongregation Mannheim, die am Sonntag nach dem Frankenthaler Prozess stattfand, wurde der Bischof von 1200 Katholiken mit lautem Jubel begrüßt. Und auch bei der Aachener Heiligtumswallfahrt im Hochsommer 1937 wurde Sebastian mit besonderen Ovationen bedacht.

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